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„Firmen sollten nicht immer in höher, schneller, weiter denken“: Gesundheitsexperte Slatco Sterzenbach im Interview

Es strömt heute ja sehr viel auf den Geist ein, während die körperlichen Bedürfnisse im normalen Arbeitsalltag untergehen. Ist die Arbeitswelt zu kopflastig geworden?

Ja, es hat sich etwas verändert. Nun wollen wir aber sicherlich nicht wieder zurück in den Ackerbau und 14 Stunden draußen arbeiten. Die Frage ist eher, wie machen wir uns die neue Situation zunutze?

Ich sage ja immer, wir haben eine Zuvielisation, zu viel an Informationen. Also darf ich lernen, mich selbst zu steuern, Verantwortung zu übernehmen und für mich festzulegen, wie viele Informationen ich haben möchte. Jeden Tag eine halbe Stunde Zeitung lesen mit 98 Prozent negativen Nachrichten, um dann im Auto zu sitzen und schon wieder die Nachrichten zu hören und abends nochmal die Tagesschau und die Tagesthemen anschauen – das wäre für mich zum Beispiel vergeudete Zeit und vergeudete Energie.

Und es gibt ja diesen schönen Spruch von Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Genau das gilt auch für Informationen: Sie können Informationen nicht nicht verarbeiten. Das heißt, all das, was wir aufnehmen, wird gespeichert und all das, was wir speichern, hat Auswirkungen auf unsere Gedanken. Wenn ich so viele negative Botschaften konsumiere, darf ich mich folglich nicht wundern, wenn nicht nur meine Schlafqualität nicht die beste ist.

Deswegen mache ich eine Informationsdiät, das heißt, ich achte darauf, was ich tue. Natürlich kann ich ständig online sein mit dem wunderbaren Smartphone. Ich muss mich aber nicht zum Sklaven davon machen, sondern kann zum Beispiel entscheiden, nur zweimal am Tag E-Mails zu checken. Einmal um 12 Uhr, dann habe ich alles vom Vormittag, und dann wieder am Nachmittag um 16 Uhr. Alles, was danach kommt, kann bis zum nächsten Tag warten. Wenn es wirklich dringend ist, kann man mich ja anrufen.

Hier können Arbeitgeber auch ein Zeichen setzen. Wo können sie noch ansetzen?

Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Ich kenne einige Firmen, die im BGM sehr viel machen, sogar ein Fitness-Studio eingerichtet haben. Wenn aber sich die Mitarbeiter aber gerade fertig machen, um eine Stunde zu trainieren, und dann der Abteilungsleiter sagt „Wohl nicht genug zu tun?“ verpufft dieser nette Gedanke. Das heißt, es muss auch von oben gelebt und kommuniziert werden.

Die heutige Generation hat erkannt, dass das mit dem immer mehr, höher, schneller, weiter nicht funktioniert. Sie haben andere Erwartungen, andere Werte. Und das ist auch ein wichtiger Punkt für Firmen – nicht immer in höher, schneller, weiter zu denken, sondern in nachhaltiger, ökologischer, gesünder. Da darf einfach eine neue Denke kommen. Das geht sonst nicht mehr lange gut. Burnout ist für mich ja nur ein Label, nur ein Symptom. Ich glaube nicht, dass wir zu viel arbeiten. Ich glaube eher, dass die Sinnhaftigkeit immer mehr verloren geht.