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„Scheitern schärft unseren Blick“: Im Gespräch mit Roger Willemsen

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Foto: Anita Affentranger

Aus Fehlern kann man lernen. Diese Volksweisheit kommt in der Arbeitswelt bislang nur bedingt zum Tragen. Misserfolge und Fehlschläge gelten häufig als Makel oder werden bei der Darstellung der eigenen Karriere schlichtweg unterschlagen. Der Publizist Roger Willemsen geht deshalb am kommenden Donnerstag, 16. Oktober, in seinem Keynote-Vortrag auf der Messe Zukunft Personal 2014 der Bedeutung des Misslingens für eine geglückte Biographie nach. Wir sprachen vorab mit ihm über gängige Vorstellungen von Erfolg und Scheitern im Beruf.

Herr Willemsen, früher wurden Kinder und Jugendliche oft gefragt, was sie einmal werden wollen – und damit war der Beruf gemeint. Inwiefern ist diese Vorstellung von einer Art Masterplan mit einem klaren beruflichen Ziel noch zeitgemäß?

In meiner Jugend hat man sich mit etwas Courage durchgerungen, seiner eigenen Leidenschaft zu folgen und zu sagen, „komme was da wolle, wenn ich glaube, Schriftsteller werden zu müssen, dann werde ich mich irgendwie auf dem Weg durchsetzen“. Man war gewissermaßen von der Notwendigkeit, einen Beruf mit Enthusiasmus ausfüllen zu können, überzeugt.

Dann kommen pragmatischere Zeiten, in denen wir sehr viele BWL- und Jura-Studenten sehen, die sich – vor allen Dingen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit – plötzlich stärker Gedanken über ihr soziales Auskommen machen.

Und heute ist die Idee des akademischen Proletariats, der Selbstausbeutung und der ökonomischen Probleme in Wissensberufen, so verbreitet, dass junge Menschen nur noch irgendwo unterkommen wollen. Meine Studenten sagen, „ich möchte irgendwie mit Literatur arbeiten dürfen, irgendetwas im Internet machen oder etwas, das mit Grafik zu tun hat“. Das Berufsbild ist diffuser geworden.

Früher arbeiteten die Menschen oft ein Leben lang für einen Arbeitgeber. Heute ist das anders. Wie wandelt sich vor diesem Hintergrund das Bild von Erfolg im Beruf?

Lange Zeit hieß Erfolg, dass man sich mit einem Unternehmen so stark identifiziert, dass man sich gegen Ende des Lebens einen hohen Respekt erworben hat, gut bezahlt wurde und sich gewissermaßen als Gesicht der Firma fühlte. Die Firma war etwas, was einem nützt und dem eigenen Charisma dient. Dann gibt es das Berufsbild dessen, der seinen beruflichen Erfolg eher durch einen sozialen Aufstieg bestimmt. Und bei einer Generation wie der meinen, bei der eigentlich alle Kinder reicher geworden sind als ihre Eltern, war die Aufstiegsidee fast eine Parallele zum Wirtschaftswunder. Alle sagten, ohne Haus will ich aber nicht.

Inzwischen werden viele mehr erben als sie selber verdienen. Gleichzeitig hat sich die Idee des Erfolgs vom rein Materiellen wegbewegt. Die nicht-scheiternde Familie verzeichnen heute viele Leute als Erfolg. Das bedeutet eine Hinwendung zur Erfüllung, zur Vorstellung, dass man mit der eigenen Arbeit etwas Sinnvolles, sogar Gutes tut. Damit ist der Erfolg stärker qualifiziert statt quantifiziert.

Wie spielt das Scheitern in den Erfolg mit hinein?

Wir haben lange Zeit all das verdrängt, was Misserfolg, Scheitern, Lebensbruch angeht und aus dem linearen Prinzip des Karrierismus ausscherte. Doch es sind die Zeiten gekommen, in denen wir festgestellt haben, dass das Erfahren und Überwinden einer Niederlage zum Bauprinzip einer geglückten Arbeitsbiographie gehören kann. Das gilt auch für das Privatleben. Wer beruflich oder privat Scheitern kennenlernt, wird plötzlich ein Mensch mit anderer Grundierung. Das stattet uns mit einer anderen Form von Empathie aus für die, die unter Umständen an ihre Leistungsgrenzen kommen. Das Scheitern schärft auch den Blick für Talente und Begabungen.