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„Scheitern schärft unseren Blick“: Im Gespräch mit Roger Willemsen

Scheitern beginnt oft schon am Anfang des Berufsweges. Die Zahl der Studienabbrecher wird jährlich auf 100.000 geschätzt. Und viele junge Leute werfen ihre Ausbildung hin. Was sehen Sie da für Gründe?

Bei meinen Studenten beobachte ich mit Schrecken eine Reihe psychosomatischer Erkrankungen, Depressionen und Panikzustände, die sich in einer geringen Konzentrationsspanne und einer frühzeitigen Antriebslosigkeit niederschlagen. Da ist ein starkes Phlegma – nicht unbedingt dem Gegenstand gegenüber, sondern dem gesamten Leben gegenüber.

Zum Teil ist das sicher darin begründet, dass ein berufliches Motivationsloch besteht. Von meinen allerbesten Studenten und Studentinnen hat im Moment keiner eine Stelle auf Höhe der eigenen Begabung.

Was empfehlen Sie jemand in so einer Sinn- oder Motivationskrise: Eher durchbeißen oder hinwerfen?

Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Manchen Studenten fällt es schwer herauszufinden, was ihre reale Leidenschaft ist und worüber sie ihre Abschlussarbeit schreiben sollen. Dann versuche ich das durch Ausschlussfragen zu isolieren. Sie wissen nicht, welche Epoche. Dann sage ich, schließen wir mal Epochen aus. Dann kommt man meistens beim Genre an. Sie wollen aber nicht über Lyrik schreiben? Nein. Auch nicht über Dramatik? Nein. Dann wollen Sie über den Roman schreiben? Ja, über den Roman. Und dann geht das so weiter nach einem K.-o.-System.

Der andere Aspekt ist, dass man auch mal fragt: „Seid Ihr sicher, dass das die richtige Arbeit für Euch ist? Wie seid Ihr gerade auf das Fach gekommen? Wisst Ihr was hier auf Euch zukommt?“ Es passiert aber sehr häufig, dass die Leute fehlende Begabung lieber nicht ehrlich ansprechen.

Eine fehlende Begabung oder die falsche Berufswahl – wir tun uns ja auch oft schwer damit, uns unsere Niederlagen einzugestehen.

Ja, das sehen Sie zum Beispiel daran, dass Niederlagen eine ewige Quelle des Humors sind. Man macht die allerbesten Witze, indem man sich über sich selber lustig macht und Selbstironie demonstriert, wenn man erzählt, was alles schief gelaufen ist. Es gibt kaum ein Gebiet im Leben, in dem man aus dem Misslingen nicht eine Pointe gewinnen kann.

Oft vergessen wir darüber die Bedingungen und Gründe dieses Scheiterns und fragen uns nicht, worin wir unser eigenes Scheitern verschulden oder verursachen. Diese Analyse ist wichtig. Daniel Goeudevert, ehemals VW- und Ford-Manager, wollte nach seinem Ausscheiden aus der Wirtschaft einen Lehrstuhl aufmachen, der Managern erklärt, auf welche Weise das Scheitern in ihr Leben kommt und was passiert, wenn man gescheitert ist. Wie ändert sich die Tonlage der Kollegen, wie viel Kompetenz habe ich noch, wenn man mir alles das wegnimmt, was mit meinem Status zusammenhängt? Er sagte damals, ich wusste nicht mal wie viel Porto man auf einen Brief draufkleben muss. Diese Lebensuntauglichkeit, die der Misserfolg einem klarmacht, kann man frühzeitig verhindern. Goeudevert hat das so gelöst, dass er immer einen Tag im Monat am Fließband stand und sich in die normalen Arbeitsabläufe begeben hat.

Wann sind Sie denn einmal gescheitert?

Ich bin vielfach gescheitert und zwar früh. Auf der einen Seite nehme ich den Tod meines Vaters als Scheitern wahr. Das ist zwar irrational, aber es ist so. Auch deshalb, weil ich ein sehr schlechter Schüler war, als mein Vater starb und mir das nie verziehen habe, dass mein Vater in einer Situation gestorben ist, in der ich sitzengeblieben bin und wirke wie ein wirklicher Fehlgriff. Er war überzeugt, ich lande an der Tankstelle – und ich war es auch. Die zweijährige Sterbenszeit und die ganzen Umstände, das waren äußere Faktoren, die dazu führten, dass vieles, woran ich reifte, zu der Zeit nicht gerade in der Schule stattfand.