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„Scheitern schärft unseren Blick“: Im Gespräch mit Roger Willemsen

Für eine Analyse des Scheiterns sind also zunächst die Umstände von außen wichtig. Aber Scheitern kann ja auch von innen kommen.

Ja, das ist völlig richtig. Ich habe das Sitzenbleiben in der Schule immer zu einem großen Teil auf mich selber bezogen. Ich bin zweimal hängengeblieben in der Schule. In dem Jahr als mein Vater starb, blieben auch meine beiden Geschwister sitzen – das kann man dann auch mit den Umständen erklären. Beim ersten Mal war es aber einfach Faulheit, Dummheit, Enthusiasmus für alles andere außer für den Schulunterricht. Und insofern muss man sich das schon selber anrechnen.

Als ich dann als großgewachsener Konfirmand zwischen lauter jüngeren Mädchen saß, fühlte sich das regelrecht wie ein Versagen an – das war nicht besonders sexy.

In Ihrem Buch „Der Knacks“ unterscheiden Sie verschiedene Formen des Scheiterns – zum einen die Lebensbrüche und zum anderen den Knacks. Was macht diesen Unterschied aus?

Ich kann es an zwei Symbolen klarmachen. Das eine wäre die Narbe: ein Scheitern, bei dem ich mich immer an den Tag erinnere – zum Beispiel an den Tag, an dem ich das Zeugnis bekam mit dem Hinweis, Roger Willemsen wird nicht versetzt. Zu diesem Zeitpunkt erfahre ich von meinem Scheitern oder ich kriege das Dokument dafür. Das wird mir wehtun und das ist über diese Narbe immer erinnerbar. Das andere wäre die Falte, die sich irgendwann in die Haut einprägt, die irgendetwas verrät, die eine Form von Ermüdung, Bitterkeit oder Enttäuschung haben kann. Sie vertieft sich ganz leise, sie ist an einem Tag nicht dagewesen, aber sie wird immer markanter und prägender und zeichnet irgendwann das Gesicht. Sie hat eine Geschichte. Sie ist wie eine Krakelee, wie die Rissglasur, die manche alten Vasen haben, die sie eigentlich erst ausmachen. Es ist etwas, was in schleichenden Prozessen kommt.

Und viele der Prozesse, die durch dieses „irgendwann irgendwo irgendwas“ bestimmt sind, werden von uns nicht identifiziert. Wir denken eher bürokratisch. Wann bin ich eingeschult worden, wann bin ich hängengeblieben, wann habe ich geheiratet, wann habe ich die ärztliche Diagnose bekommen? Wir orientieren uns an diesen Einzeldaten, doch wenn wir uns erinnern, besteht unser Leben immer aus namenlosen Prozessen, von denen wir häufig gar nicht wissen, wann haben sie angefangen und seit wann sind sie abgeschlossen. Das Essen schmeckt nicht mehr, Küsse sind nicht mehr, wie sie einmal waren, der Wald wirkt nicht mehr so, wie er früher auf mich wirkte. Die Vergnügungen sind ausgeschöpft. Wann hat das eigentlich begonnen? Wenn man sich mit dem Scheitern beschäftigt, muss man eigentlich immer beide Prozesse beachten: Wie ein Mensch zusammengesetzt wird aus den Einzelsituationen der Niederlage und aus den großen Prozessen.

Ein typischer Knacks wäre dann sozusagen, wenn Menschen am Arbeitsplatz ausgebrannt sind und die Freude an der Arbeit verloren haben.

Ja, ganz recht. Dann reicht es eben nicht aus zu sagen, der hat den Zuschlag nicht bekommen, dessen Kollege ist an ihm vorbei befördert worden. Das sind immer bloß Anlässe. Aber gerade in der Arbeitswelt muss man diese heimlichen, schleichenden Prozesse ebenfalls mitbetrachten. Doch das geschieht nur selten.