Menü

„Scheitern schärft unseren Blick“: Im Gespräch mit Roger Willemsen

Warum halten Sie das gerade in der Arbeitswelt für wichtig?

Wo Unternehmen allein das Leistungsprinzip verfechten, bringen sie ihre Mitarbeiter an die Grenzen der Belastbarkeit. Deshalb sind Phänomene wie Burnout, Leistungsfunktionsstörungen, Depressionen, Erschöpfungssyndrome die Krankheiten der Zeit. Das hat nicht nur mit der reinen Arbeitsüberforderung zu tun, sondern auch mit der Entfremdung. Dass Menschen ihre Arbeitsabläufe gar nicht mehr überblicken, sich nur noch wie eine riesige funktionierende Einheit in einem großen Komplex erleben. Sie sehen weder, wo sie herkommen noch wo sie hingehen. Wo der Mensch selbst maschinenförmig wird und die Effizienz einer Maschine haben soll, jederzeit leistungsfähig, ohne Reibung, ohne Störung, da kommt er an seine Grenzen.

Deshalb bleibt den Unternehmen nichts anderes übrig als eine so irrationale Seite wie das Scheitern einzubeziehen. Und auch so etwas wie Motivation, Begeisterung, Identifikation – alle diese Dinge, die letztlich im immateriellen Bereich der Kultur liegen. Lange hat man gedacht, man könne das alles materiell lösen. Aber das geht nicht mehr mit Bonusregelungen oder mit Entschädigungszahlungen für ausfallende Wochenenden.

Was müsste sich in den Unternehmen ändern?

Mitarbeiter sollten eine ganzheitliche Sicht auf das bekommen, was ein Unternehmen macht. Sie brauchen eine gewisse Durchsichtigkeit der Abhängigkeiten und des Ineinandergreifen von Arbeitsprozessen. Ich habe selber einmal eine Fernsehproduktionsfirma gehabt und als wir noch richtige Fernsehshows machten, da durften die Redakteure immer alles machen. Wenn wir einen Gast hatten, dann kümmerte sich eine Person um die Akquise, die Vorbereitung, die Abholung vom Flughafen und die Betreuung auf dem Set. Und das hat bei den Redakteuren immer dazu geführt, dass sie sich mit großem Enthusiasmus auf die Arbeit gestürzt haben, weil sie wussten, ich bin für alles verantwortlich. Diese Ganzheitlichkeit verhindert, dass jemand nur stur seine Arbeit tut und keine Beziehung mehr zum Rest hat.

Wenn man insgesamt auf das Berufsleben schaut: Die Lebenserwartung der Menschen steigt. Zukünftig werden wir wohl bis zum 70. Lebensjahr und darüber hinaus arbeiten müssen. Wie schaffen wir es angesichts von Lebensbrüchen und Knacksen, dass wir so lange durchhalten?

Wir brauchen ein klares Gegengewicht zur reinen Arbeit. Da komme ich wieder auf das Prinzip des qualifizierten Lebens zurück. Es braucht immer wieder Erlebnisse, die Erfahrungen verdichten – mithilfe von Kultur, Literatur, Musik oder dem Film. Man braucht die Fähigkeit, sich zu transzendieren, also in irgendeiner Weise sich zu überschreiten und sich von oben anzuschauen, was man ist und was man tut, statt es ausschließlich zu absolvieren. Wenn wir schon so viel Zeit mit der Arbeit verbringen, ist es wichtig, ihr auch Sinn zu geben.

Herr Willemsen, wir danken für das interessante Gespräch.

Click to tweet: @rogerwillemsen: „Scheitern schärft unseren Blick“. Warum, erklärt er im Interview: http://bit.ly/1s0e3od #ZP14 #Karriere