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Ingenieurausbildung: Vielen Absolventen fehlt Praxiserfahrung

Ingenieurausbildung: Vielen Absolventen fehlt praktische Erfahrung

Foto: Pixabay.com

Hält die moderne Ingenieurausbildung was sie verspricht? Sind Absolventen nach Ihrem Abschluss überhaupt ausreichend für den Beruf vorbereitet oder sind sie nur fit in der Theorie? Wie anerkannt sind die Bologna-Studiengänge bei Arbeitgebern?

Mit diesen Fragen hat sich die Studie „15 Jahre Bologna-Reform – Quo vadis Ingenieurausbildung?“ beschäftigt, die der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gemeinsam mit dem VDI Verein Deutscher Ingenieure und der Stiftung Mercator beim Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH in Auftrag gegeben hat.

Befragt wurden 1.300 Studierende der Ingenieurwissenschaften, knapp 400 Hochschullehrende, mehr als 1.400 Fach- und Führungskräfte in Unternehmen sowie gut 250 Absolventen, die kürzlich in den Beruf eingestiegen sind.

Ingenieurausbildung zukunfts- aber auch durchaus ausbaufähig

Eines vorweg: Die heutige Ingenieurausbildung wird als zukunftsfähig bewertet, aber auch als durchaus verbesserungswürdig. Die Hochschulreform wird in den Unternehmen weitestgehend akzeptiert. Doch es besteht Handlungsbedarf, um die hohe Qualität der Ingenieurausbildung weiterhin gewährleisten zu können.

Gerade in der Berufsvorbereitung sehen Arbeitgeber Verbesserungsbedarf: Bei 43 Prozent der Bachelor- und 37 Prozent der Master-Absolventen vermissen die befragten Fach- und Führungskräfte praktische Erfahrungen. Doch genau diese Kenntnisse sind es, die fast die Hälfte der Unternehmen als ausschlaggebend für eine Einstellung halten. Ganz oben im Ranking der Einstellungskriterien sind mit 81 Prozent soziale Kompetenzen, Auftreten und Präsentationsstärke der Bewerber. Diese könnten aber nur 23 Prozent der Bachelor- und 32 Prozent der Master-Absolventen vorweisen. Der Erwerb sozialer Kompetenzen spielt laut Befragung im Studium auch nur eine geringe Rolle.

Duale Studiengänge stehen hoch im Kurs

Es ist also kein Wunder, dass duale Studiengänge bei Unternehmen und Hochschullehrenden hoch im Kurs stehen: Diese praxisnahe Ausbildungsform in Zusammenarbeit mit ausbildenden Unternehmen halten 72 Prozent der Lehrenden für sehr hochwertig. 69 Prozent der befragten Arbeitgeber sind überzeugt, durch duale Studiengänge hervorragende Nachwuchskräfte gewonnen zu haben.

„In der Ingenieurausbildung muss die Praxisorientierung weiter ausgebaut werden“, fordert Hartmut Rauen, stellvertretender VDMA-Hauptgeschäftsführer. Die Fachhochschulen zeigten, dass mehr Praxis im Studium möglich ist. Die Studie bewerte Praxissemester und -module der Fachhochschul-Studiengänge für den Berufseinstieg ebenso positiv wie die dualen Studiengänge, so Rauen. „Das zeigt: Nur eine stark anwendungsorientierte Ausbildung bereitet die Studierenden optimal auf eine Industrielaufbahn vor.“

Starke Zersplitterung der Studienlandschaft

Als problematisch erachtet fast jeder vierte der befragten Studenten die Unsicherheit über ihre spätere Berufsbezeichnung: „Darf ich mich nach meinem Studium jetzt Ingenieur nennen?“, fragen sich viele. Diese Verwirrung wird in der Studie am möglicherweise fast schon zu vielfältigen Angebot spezialisierter Bachelor-Studiengänge und einem fehlenden einheitlichen akademischen Grad für Ingenieurstudiengänge festgemacht.

Ingenieurausbildung: Vielen Absolventen fehlt praktische Erfahrung

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Dr. Ina Kayser, Expertin für Beruf und Gesellschaft beim VDI, rät Studenten möglichst breit zu studieren. Spezialisieren sollten sie sich erst im Masterstudium, denn solide Grundlagen seien für den Arbeitsmarkt heute das A und O. Das bestätigen auch die Studienergebnisse: Die meisten Fach- und Führungskräfte bevorzugen Bewerber mit Abschlüssen in breit angelegten Studiengängen.

Professor Dr.-Ing. Udo Ungeheuer, Präsident des VDI, plädiert dafür, die Abschlüsse transparenter zu gestalten: „Der VDI fordert die Einführung der akademischen Grade Bachelor und Master of Engineering oder Master of Science in Engineering. Mit solchen einheitlichen Graden wird es gelingen, die Marke „German Engineering“ für die Zukunft weiter zu stärken.“

Auslandsaufenthalten gilt keine große Aufmerksamkeit

Die Frage um die internationale Gültigkeit von Studienabschlüssen ist in der Bildungspolitik sehr präsent. Forderungen werden laut, dass die Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte unbedingt verbessert werden müssen. Dennoch deuten die Ergebnisse der Befragung darauf hin, dass dieses Thema im Rahmen der Ingenieurausbildung sowohl bei Studierenden als auch aus Sicht der Arbeitgeber keine große Rolle zu spielen scheint.

Von den befragten Führungskräften geben nur 13 Prozent Auslandserfahrung als Einstellungskriterium für Absolventen an. Nur etwa 20 Prozent der befragten Studierenden der Ingenieurwissenschaften haben sich bisher im Zusammenhang mit ihrem Studium im Ausland aufgehalten. Zudem beabsichtigten nur zirka 20 Prozent im Rahmen des Studiums noch einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt durchzuführen.

Dies steht im Widerspruch zu dem von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) formulierten Mobilitätsziel, dass bis 2020 jeder zweite Hochschulabsolvent studienbezogene Auslandserfahrung gesammelt haben sollte.

Art der Hochschule spielt bei Einstellung geringe Rolle

Bei der Frage, ob bevorzugt Abgänger von Universitäten oder von Fachhochschulen eingestellt werden würden, antwortete der überwiegende Teil der Fach- und Führungskräfte, dass sie keine Präferenzen hinsichtlich der Ausbildungsherkunft hätten.

Wurden Präferenzen angegeben, erhielt der Fachhochschul-Bachelorabschluss gegenüber dem Universitäts-Bachelorabschluss allerdings den Vorzug: 24 Prozent der Fach- und Führungskräfte ziehen den Fachhochschulabschluss, 12 Prozent den Universitätsabschluss vor. Beim Master antworteten sie genau anders herum: 30 Prozent präferieren den Masterabschluss an der Universität, 10 Prozent den Masterabschluss an der Fachhochschule.

Die vollständigen Studienergebnisse können Sie hier downloaden.